Was bedeutet Durchlass am Weidezaun?

An Autobahnen sind Wildtierdurchlässe Bauwerke mit Fundament und Leitzäunen. Am Weidezaun funktioniert das anders. Ein Elektrozaun besteht aus Leitern in festen Höhen, und jeder Abstand zwischen zwei Leitern ist für Tiere eine mögliche Lücke. Durchlässig ist ein Zaun deshalb nicht, weil jemand ein Loch hineinbaut, sondern weil Bauart, Strom und Weidebetrieb es zulassen.

Das Thema wird wichtiger, weil Herdenschutzzäune länger und dichter werden. Elektrofestzäune mit vier oder fünf Leitern gehören zu den wirksamsten Maßnahmen gegen Wolfsübergriffe, stehen aber wegen einer möglichen Barrierewirkung auf andere Wildtiere in der Kritik1. Lange beruhte das Wissen dazu vor allem auf Einzelbeobachtungen. Inzwischen liegen zwei Untersuchungsreihen vor, die erstmals mit Wildkameras und Zaunmonitoren gearbeitet haben: aus Niedersachsen und aus Baden-Württemberg12.

Wie queren Wildtiere einen Herdenschutzzaun?

In Niedersachsen wurden 2021 und 2023 insgesamt 18 Pferde- und Rinderweiden untersucht, eingezäunt mit Stahldraht in Höhen von 20, 40, 60, 90 und 120 Zentimetern oder ähnlichen Staffelungen. Dabei entstanden Aufnahmen von 95 Querungen. An den 1.292 Beobachtungstagen gab es außerdem 573 Nachweise von Wildtieren innerhalb der Weiden1.

Die Tiere nutzen dabei ganz unterschiedliche Wege:

  • Hase, Dachs und Fuchs krochen unter dem untersten Draht hindurch. Hasen sprangen auch zwischen den Drähten auf 20 und 40 Zentimetern durch.
  • Rehe sprangen am häufigsten zwischen den Drähten auf 40 und 60 Zentimetern hindurch.
  • Rotwild wurde zweimal beim Sprung über den obersten Draht auf 1,20 Metern erfasst.
  • Ein Marder passierte zwischen dem ersten und zweiten Draht.
  • Ausgewachsene Wildschweine querten funktionierende Zäune offenbar nicht. Nachgewiesen wurden sie nur, wenn die Spannung ausgefallen war oder der Zaun Mängel hatte1.
Elektrofestzaun mit Leitern auf 20, 40, 60, 90 und 120 Zentimetern. Hase, Dachs und Fuchs queren unter dem untersten Leiter, Hase und Marder zwischen 20 und 40 Zentimetern, Rehe zwischen 40 und 60 Zentimetern, Rotwild springt über den Zaun. 20406090120 cm Hase, Dachs, Fuchs: drunterHase, Marder: dazwischenReh: häufigster Weg Rotwild: Sprung über 1,20 m Unterster Leiter: höchstens 20 cm über dem Boden
Querungswege an einem Elektrofestzaun mit fünf Leitern, wie sie Wildkameras in Niedersachsen festgehalten haben.

Auch Igel, Marderhund und Waschbär wurden auf den Flächen dokumentiert. Alle 30 befragten Weidetierhalter berichteten, diese Wildtiere nach dem Zaunbau weiter auf ihren Weiden gesehen zu haben, Wildschweine und Wölfe ausgenommen1. In Baden-Württemberg ergab sich ein ähnliches Bild: Unter mehr als 600 Annäherungen und Querungsversuchen von Reh- und Gamswild reduzierte die Aufrüstung auf fünf Leiter die Querungen nur geringfügig2.

Warum darf der unterste Leiter nicht einfach höher hängen?

Hier liegt der eigentliche Zielkonflikt. Für den Wolf gilt bis auf Augenhöhe von etwa 60 Zentimetern eine lichte Weite von 20 Zentimetern, weil er größere Lücken als Durchschlupf nutzen kann6. Der unterste stromführende Leiter darf am Pfahl höchstens 20 Zentimeter über dem Boden verlaufen. Geländebedingte Abweichungen sollten 5 Zentimeter nicht überschreiten4.

Größere Abstände würden anderen, teils geschützten Arten das Queren erleichtern. Das BZWW nennt das ausdrücklich einen Widerspruch zwischen Herdenschutz und Naturschutz, der im Einzelfall abzuwägen ist3. Wer den Leiter anhebt, verliert aber nicht nur Wolfsschutz. Oft steht auch der Schadensausgleich auf dem Spiel, weil der Grundschutz dann nicht mehr erfüllt ist. In der niedersächsischen Studie krochen Rehe zweimal unter dem Draht durch, als dieser an einer Stelle 30 Zentimeter über dem Boden hing, was nicht als wolfsabweisend gilt. Der Draht wurde danach abgesenkt1.

Die gute Nachricht aus beiden Studien lautet: Für die meisten Arten braucht es diese Änderung gar nicht. Der Zaun bleibt mit 20 Zentimetern für sie passierbar.

Wann und wo öffnet man den Zaun am besten?

Am stärksten wirkt nicht die Bauart, sondern der Betrieb. In der zweiten Phase der Studie aus Baden-Württemberg wurden drei Zustände verglichen: Beweidung mit Strom, Weidepause ohne Strom, Weidepause ohne Strom mit offenen Toren. Ohne Strom und Weidetiere lag die Nutzung der Flächen durch Wildtiere rund 3,5-mal so hoch, mit offenen Toren beim Fünffachen. Welchen Anteil daran der Strom und welchen die Weidetiere haben, ließ sich nicht trennen2.

Daraus folgen drei einfache Regeln. Erstens sollten Zäune in der weidefreien Zeit möglichst stromlos sein und die Tore offen stehen2. Zweitens gehört der Wildwechsel schon in die Planung, zum Beispiel über Tore in einzelnen Abschnitten des Zauns2. Drittens darf ein stromloser Zaun nicht vergessen werden: Nicht mehr benötigte Zäune bleiben eine Gefahr, deshalb raten die Fachleute dazu, sie nach dem Abtrieb abzuräumen, die Leiter abzulegen oder das ganze Jahr ausreichend unter Strom zu halten1.

Was kostet ein durchlässiger Zaun?

Meist kostet er kaum etwas zusätzlich, weil sich vor allem der Ablauf ändert. Tore und Abschalten sind Betriebsentscheidungen, keine neue Technik. Bänder zur Markierung zählen zu den einfachen, günstigen Mitteln, müssen aber ersetzt werden, weil sie sich mit der Zeit lösen. Empfohlen werden etwa 40 Zentimeter lange Stücke in regelmäßigen Abständen, möglichst aus UV-beständigem Material5.

Wer einen geförderten Zaun plant, sollte die Tore schon im Antrag berücksichtigen und Fragen zur Zaunführung mit der Herdenschutzberatung klären. Welche Stelle in Ihrem Land zuständig ist, zeigt unsere Förderübersicht nach Bundesland.