Wie verhalten sich Rothirsch und Reh am Zaun?

Reh und Rothirsch gehen unterschiedlich mit einem Weidezaun um, und beide tun etwas anderes, als viele erwarten. Sprünge über den Zaun wurden an den Flächen in Baden-Württemberg nur selten beobachtet. Am häufigsten liefen Querungen unter den unteren Leitern oder zwischen den Leitern ab, Rehe stiegen dabei gern auch durch den Zaun1. In Niedersachsen sprangen Rehe vor allem zwischen den Drähten auf 40 und 60 Zentimetern hindurch2. Das Reh nutzt den Zaun also eher wie ein Gitter, durch das es sich hindurchfädelt.

Rotwild ist größer und braucht mehr Platz. Die Feldstudie in Niedersachsen hat es zweimal beim Sprung über den obersten Draht auf 1,20 Metern erfasst2. Im Rotwildgebiet Südschwarzwald war es regelmäßig auf den Flächen präsent1. Damwild blieb dagegen ein offener Punkt: Obwohl die niedersächsischen Weiden in Damwildgebieten lagen, wurde es nur einmal auf einer angrenzenden, nicht gezäunten Fläche erfasst. Ob es Festzäune grundsätzlich meidet, ließ sich nicht klären2.

Strom verändert das Verhalten deutlich. Reh- und Gamswild brachen Querungsversuche an bestromten Zäunen wesentlich häufiger ab. Beim Rehwild zeigte sich zudem ein Unterschied: Es reagierte auf wolfsabweisend gestaltete, bestromte Zäune sensibler als auf einfachere stromführende Zäune. Das Verhalten ist aber stark individuell, manche Tiere inspizierten den Zaun lange, andere querten fast ohne Zögern1.

Welcher Zauntyp lässt Wild passieren?

Die FVA hat wolfsabweisende Elektrofestzäune systematisch untersucht und ordnet die übrigen Bauarten nach bisherigen Erfahrungen ein1. Daraus ergibt sich diese Reihenfolge:

Zauntyp Wirkung auf Wild Hinweis
Drahtknotengeflecht sehr hohe Barriere1 wird gezielt gegen Wildverbiss gebaut
Mobiles Weidenetz Unfallrisiko erhöht1 vor allem bei unsachgemäßem Einsatz
Elektrofestzaun mit fünf Leitern keine vollständige Barriere1 Wirkung hängt von Strom und Beweidung ab
Mobiler Litzenzaun vergleichsweise gut passierbar1 im Weidebetrieb trotzdem weniger Wild auf der Fläche
Vier Zauntypen von durchlässig bis stark sperrend: mobiler Litzenzaun, Elektrofestzaun mit fünf Leitern, mobiles Weidenetz mit Unfallrisiko, Drahtknotengeflecht als sehr hohe Barriere. Mobiler Litzenzaunvergleichsweise gut passierbar Elektrofestzaun, 5 Leiterkeine vollständige Barriere Mobiles Weidenetzerhöhtes Unfallrisiko für Wild Drahtknotengeflechtsehr hohe Barrierewirkung Balken: qualitative Einordnung, keine Messwerte
Zauntypen im Vergleich: Barrierewirkung auf Rothirsch und Reh nach den Ergebnissen und Einschätzungen der FVA.

Die Aufrüstung von ein bis drei Leitern auf fünf Leiter reduzierte die Querungshäufigkeit nur geringfügig, auch die wolfsabweisenden Zäune wurden in rund 90 Prozent der Annäherungen gequert1. Das Ergebnis gilt für die untersuchten Reh- und Gamswild-Flächen und nicht automatisch für jede Lage. Eine gute Nachricht ist es trotzdem: Wer auf Herdenschutz umrüstet, zerschneidet das Revier nicht zwangsläufig.

Wie vermeidet man Unfälle am Zaun?

Der häufigste Fehler ist nicht der falsche Zaun, sondern der vergessene. Stromlos stehen gelassene Zäune gelten als Gefahrenquelle. An den Festzäunen selbst wurden in den Studien aus Niedersachsen keine verletzten oder getöteten Wildtiere gefunden. Der DVL führt das auf straff gespannten Glattdraht und den Bodenabstand von 20 Zentimetern zurück2. Tödliche Unfälle durch Verheddern kann es bei Kunststofflitzen aber geben2.

Sichtbarkeit hilft zusätzlich, besonders bei neuen Zäunen und nach dem Wiederauflegen der Drähte im Frühjahr. Jungtiere können das Hindernis oft noch nicht einschätzen, und an Wildwechseln oder in Waldnähe ist eine Kennzeichnung sinnvoll3. Das schützt auch die eigene Anlage, denn Wild kann einen Zaun niederreißen, und dann brechen die Weidetiere aus3. Als Faustregel gilt, dass das Unfallrisiko bei Festzäunen deutlich geringer ist als bei mobilen Netzen, weil sich Tiere im straffen Draht kaum verheddern3.

Wo gehört der Zaun hin?

Die FVA rät, Wildwechsel schon bei der Planung zu berücksichtigen, etwa durch abschnittsweise Tore1. Wer die Wechsel nicht kennt, sollte vor dem Bau mit der Jagdpächterin oder dem Jagdpächter sprechen und die Spuren entlang der Grenze ansehen. Wo ein Zaun einen Wechsel unterbricht, beugt bessere Sichtbarkeit Unfällen und Schäden am Zaun vor3. In der weidefreien Zeit sollten die Tore offen stehen und die Zäune stromlos sein1.

Was gilt für Gehegewild?

Bei Gehegewild kehrt sich die Aufgabe um. Dort soll der Zaun Dam- und Rotwild halten und Fremdtiere fernhalten. Für Dam- und Sikawild sollten wolfsabweisende Zäune samt Toren 1,80 Meter hoch sein, die vorgegebene Stabilzaunhöhe für Rotwild beträgt 2,00 Meter4. Tore sind so zu bauen, etwa als Schleusen, dass weder Tiere entweichen noch fremde eindringen. Der Zaun darf keine Verletzungsgefahr darstellen, Ecken dürfen keine Winkel unter 90 Grad haben, und die Grenze muss für die Tiere sichtbar sein4. Zusätzliche elektrische Leiter in mindestens 15 Zentimetern Abstand schützen vor Wolf und Untergraben4.

Solche Gatter sind bewusst Barrieren. Wildfreundlich sind sie nur in dem Sinn, dass sie fachgerecht gebaut sind und keine Tiere verletzen. Umso wichtiger ist es, bei Neubauten die Lage im Gelände mit der Behörde abzustimmen.